Tüll ist Trumpf: Sommerkollektion 2010 von Viktor & Rolf

In: Aktuell

7 Jan 2010

Beginnen wir mit einem kurzen Ratespiel: Welches Outfit wäre das denkbar Ungünstigste zum Verstecken spielen? Vielleicht das geliebte Faschingsrelikt, ein knallbuntes Leuchtcap? Ja, wirklich wenig vorteilhaft. Ein mit Glöckchen behangener Allover-Body? Ebenfalls durchaus nachteilig. Doch so unvorteilhaft diese Kleidungsstücke auch sein mögen, das holländische Designer-Duo Victor und Rolf hat den Trumpf in der Tasche: Tüll!

Denn wenn man sich die Aufzeichnungen von der Pariser Fashion Week so anschaut, wird einem klar, dass man in diesen Kostümchen unser Spiel haushoch verlieren würde… Gespannt und wild rätselnd sitzen die Fashion-Week-Besucher da, als die erste gigantische Silhouette auf sie zukommt: Es ist… es ist ein Wattebausch! Nein, eine Riesen-Angorakatze! Staunen im ganzen Saal. Ohhh, es ist ein Tüll-Ungetüm!

Meter- und massenweise Tüll drapierten sie kunstvoll um die filigranen Mannequins, in zarten Bonbonfarben à la Miami Vice: Türkis, Pink und Flieder, kombiniert mit klassischem Schwarz. Aber halt, wer jetzt an die 80er mit Schweiß- und Stirnband und Gymnastikanzug zurückdenkt, der liegt etwas daneben. Victor Horsting und Rolf Snoeren setzen in ihrer Sommerkollektion 2010 auf geometrische und surreale Formen, mit einem Hauch Business-Chic hier, einer Prise Prima Ballerina da, einem Touch Fernost dort – gewissermaßen haben sie sich überall eine Scheibe – oder besser gesagt eine Lage Tüll – abgeschnitten. Alles liebevoll plissiert und originell zurecht geschnippelt und einmal kräftig die Blumenkinder drüberstreuen lassen.

Und wo wir schon beim schneiden und schnippeln sind, wie sind dieser tiefe Einschnitt und das riesige Guckloch in den kunstvollen Tüll-Rockbausch gekommen? War Edward mit den Scherenhänden etwa heimlich am Werk oder hat die darbende Tüll-Made zugebissen? Oder haben Victor und Rolf mal wieder vergessen, die Mottenkugeln in den Designer-Schrank zu hängen? Nichts von alledem, wir haben glücklicherweise noch nicht eine dräuende Invasion von kleiderfressendem Ungeziefer zu befürchten. Den beiden ist auch nicht urplötzlich am Sonntagabend der Tüll ausgegangen, sondern wie so ziemlich alles heutzutage, sollte auch dies eine sogenannte „Message“ vermitteln. Denn laut Victor Snoeren setzen sie in ihrer Sommerkollektion angesichts der Finanzkrise, die jedermann an allen Ecken und Enden zum Sparen zwingt, ein Zeichen: sie spiegelten die darbende Wirtschaftslage in fehlenden Tüll-Teilen wider.

So viel wohltätiger Einsatz muss natürlich belohnt werden, also beehrte keine Geringere als Sängerin Róisín Murphy das Mode-Spektakel mit einem Live-Auftritt. Doch auch in ihrem Falle musste man zunächst genauer hinsehen, als sie die Bühne betrat: Ist die Ärmste etwa beim Montieren eines überdimensionalen Lampenschirms darin zur Hälfte stecken geblieben? Ach so, nein, hinter der Maskerade stecken natürlich wieder ihre Spezln Victor und Rolf, die sie in ein Babybauch-verdeckendes, weißes Tüll-Tutu steckten. Ein Herz für werdende Mütter haben die beiden also auch!

Fashion Week und Catwalk schön und gut, aber was mach‘ ma jetzt mit dem ganzen Tüll, wenn der ganze Spaß vorbei ist? Laut eigenen Angaben kreieren Viktor und Rolf „Outfits für selbstbewusste Frauen“, wenn man sich die monströsen Berge von Tüll, Rüschen und Volants jedoch so ansieht, fragt man sich doch schon, wie man sich damit in einen vollgestopften Omnibus quetschen soll, ohne dabei von links und rechts eins auf den Deckel zu bekommen. Vielleicht auch aus diesem Grunde die äußerst platzsparenden Stoffeinschnitte…
Originell und schön anzusehen sind die kleinen Kunstwerke von Viktor und Rolf auf alle Fälle, ob sie jedoch straßentauglich sind, sei dahingestellt. Luxuseinkaufsstraßentauglich vielleicht.

Comment Form

You must be logged in to post a comment.